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Rituale. Oder: Warum wir bedeutsamen Momenten eine Form geben.

2. Sept.
5 Min. Lesezeit

Eigentlich braucht ein Moment kein Ritual, um zu geschehen.

Zwei Menschen können sich füreinander entscheiden, ohne Ringe zu tauschen.

Ein Mensch stirbt, unabhängig davon, ob wir eine Kerze anzünden.

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt auch dann, wenn niemand ein Glas darauf erhebt.

Und trotzdem tun wir genau das.

Wir versammeln uns. Wir wählen einen Ort. Wir sprechen bestimmte Worte. Wir hören Musik. Wir ziehen uns anders an als sonst. Wir tauschen Ringe, schneiden Kuchen an, entzünden Kerzen, legen Blumen nieder, stoßen miteinander an.

Manchmal stehen wir gemeinsam auf.

Manchmal schweigen wir.

Wir nehmen etwas, das ohnehin geschieht – und geben ihm eine Form.

Warum eigentlich?

Vielleicht, weil Veränderung etwas Merkwürdiges an sich hat.

Sie kann längst geschehen sein, bevor wir sie wirklich begriffen haben.


Der französische Ethnologe Arnold van Gennep beschäftigte sich schon Anfang des 20. Jahrhunderts mit genau solchen Momenten.

Er betrachtete Rituale rund um Geburt, Erwachsenwerden, Heirat und Tod und erkannte darin trotz großer kultureller Unterschiede eine wiederkehrende Struktur. Er nannte diese Rituale rites de passage – Übergangsriten.

Seine Beobachtung war, vereinfacht gesagt: Wenn Menschen von einem Zustand in einen anderen übergehen, wird dieser Übergang häufig in drei Phasen gegliedert.

Wir lösen uns von etwas.

Wir überschreiten eine Schwelle.

Und wir treten in etwas Neues ein.

Trennung. Schwelle. Angliederung. 

Das klingt zunächst ziemlich abstrakt.

Bis man eine Hochzeit betrachtet.

Zwei Menschen kommen als unverheiratetes Paar zu einer Zeremonie. Sie treten nach vorne. Sie sprechen Worte, geben sich ein Versprechen, tauschen vielleicht Ringe. Irgendwann gehen sie wieder hinaus.

Es sind noch dieselben zwei Menschen.

Und trotzdem ist etwas nicht mehr dasselbe.


Oder eine Trauerfeier.

Der Tod ist zu diesem Zeitpunkt längst eingetreten.

Die Zeremonie verursacht den Abschied nicht.

Sie macht einen Menschen auch nicht weniger tot.

Und doch kommen Menschen zusammen.

Sie erzählen von einem Leben, hören Musik, weinen, lachen vielleicht, legen Blumen nieder und gehen anschließend wieder auseinander.

Das Ritual hat nicht geschaffen, was geschehen ist.

Aber es hat dem Geschehen eine Form gegeben.


Besonders der mittlere Teil eines solchen Übergangs interessierte später den Anthropologen Victor Turner.

Die Schwelle.

Turner entwickelte van Genneps Gedanken weiter und beschäftigte sich intensiv mit der sogenannten Liminalität – abgeleitet vom lateinischen limen, der Schwelle.

Es ist dieser eigentümliche Zwischenraum:

Das Alte gilt nicht mehr ganz.

Das Neue noch nicht vollständig.

Man ist dazwischen.


Vielleicht kennen wir dieses Gefühl auch ganz ohne anthropologische Theorie.

Die Minuten, bevor eine Zeremonie beginnt.

Menschen kommen an, suchen ihre Plätze und sprechen vielleicht ein wenig leiser als sonst.

Jemand wartet hinter einer Tür darauf, hineinzugehen.

Ein Sarg steht in einem Raum – und plötzlich gelten dort andere Regeln als draußen auf der Straße.

Für eine gewisse Zeit ist der Alltag unterbrochen.

Wir beantworten keine Mails.

Wir räumen nicht die Spülmaschine aus.

Wir überlegen nicht, was wir später noch einkaufen müssen.

Zumindest im besten Fall.

Wir sind für einen Moment einfach dort.


Turner beschrieb noch etwas, das in solchen Schwellenzuständen entstehen kann: communitas – eine besondere Form unmittelbarer Gemeinschaft. Für eine begrenzte Zeit können alltägliche Rollen und Unterschiede in den Hintergrund treten. Menschen teilen einen Moment, eine Aufmerksamkeit, manchmal eine Unsicherheit oder eine Emotion.

Vielleicht liegt darin ein Teil der Kraft von Zeremonien.

Wir erleben einen Übergang nicht nur. Wir erleben ihn miteinander.


Auch der Soziologe Émile Durkheim interessierte sich dafür, was geschieht, wenn Menschen zusammenkommen und gemeinsam Rituale vollziehen.

Für ihn waren Rituale nicht bloß schmückendes Beiwerk einer Gemeinschaft. In kollektiven Zusammenkünften können gemeinsame Aufmerksamkeit, Symbole und Emotionen soziale Verbundenheit immer wieder erfahrbar machen.

Für die besondere emotionale Intensität solcher Situationen prägte Durkheim den Begriff der kollektiven Efferveszenz.

Gemeinsam erlebte Gefühle können sich verstärken.

Die Grenze zwischen dem eigenen Erleben und dem Erleben der anderen wird für einen Moment durchlässiger.


Neuere sozialpsychologische Forschung findet für verschiedene Elemente dieses mehr als hundert Jahre alten Modells durchaus empirische Unterstützung.

Das klingt groß.

Dabei kennen wir vielleicht auch davon ganz alltägliche Varianten.

Ein ganzer Raum erhebt sich.

Alle schauen gleichzeitig zu zwei Menschen.

Eine Hochzeitsgesellschaft jubelt nach einem Ja-Wort.

Bei einer Trauerfeier beginnt ein Lied, das fast jeder im Raum mit diesem einen Menschen verbindet.

Plötzlich ist ein Gefühl nicht mehr nur meines.

Es steht im Raum. Und andere tragen es mit.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum wir zu den bedeutsamsten Momenten unseres Lebens andere Menschen einladen.

Nicht nur, damit sie dabei sind.

Sondern damit sie Zeug*innen werden.


Denn eine Zeremonie macht etwas Privates für einen Moment gemeinsam.

Ich liebe dich wird zu:

Wir haben gehört, wie ihr euch füreinander entschieden habt.

Ich vermisse dich wird zu:

Wir erinnern uns gemeinsam an diesen Menschen.

Etwas verändert sich nicht nur im Inneren eines Einzelnen.

Es bekommt einen Ort.

Eine Zeit.

Worte.

Gesten.

Und Menschen, die später sagen können:

Ich war dabei.


Vielleicht erklärt das auch, warum Rituale so beständig sind – obwohl ihre Formen sich ständig verändern.

Wir heiraten anders als unsere Großeltern.

Wir verabschieden Menschen anders.

Religiöse Rituale verlieren für manche an Selbstverständlichkeit, während an anderer Stelle neue Formen entstehen.

Manche Traditionen übernehmen wir.

Andere lassen wir bewusst weg.

Denn Rituale sind nicht neutral.

Sie erzählen immer auch etwas darüber, was eine Gesellschaft für bedeutsam hält.

Wessen Verbindung feiern wir?

Um wen dürfen wir öffentlich trauern?

Welche Übergänge bekommen eine Zeremonie – und welche geschehen beinahe unsichtbar?


Rituale können Zugehörigkeit schaffen.

Aber wo Zugehörigkeit entsteht, entstehen auch Grenzen.

Wer gehört dazu?

Wer darf sprechen?

Welche Beziehung wird anerkannt?

Welcher Verlust bekommt einen öffentlichen Raum?

Ritualtheorie beschäftigt sich deshalb längst nicht nur mit Gemeinschaft und Zusammenhalt, sondern auch damit, wie Rituale soziale Ordnungen, Kategorien und Gegensätze herstellen, bestätigen oder verändern können.


Vielleicht ist es deshalb kein Zeichen dafür, dass Rituale verschwinden, wenn wir ihre Formen verändern. Vielleicht ist das Gegenteil der Fall.

Wir verhandeln neu, was für uns Bedeutung hat.

Eine freie Trauung muss nicht weniger ritualisiert sein, nur weil sie keiner festgelegten religiösen Liturgie folgt.

Ein Abschied von einem Tier muss nicht weniger bedeutsam sein, nur weil es dafür gesellschaftlich lange weniger etablierte Formen gab.

Und eine Zeremonie wird nicht automatisch bedeutungsvoller, nur weil etwas schon immer so gemacht wurde.


Wir dürfen Formen übernehmen.

Wir dürfen sie verändern.

Und wir dürfen neue finden.

Vielleicht ist das überhaupt das Spannende an Ritualen:

Sie stehen irgendwo zwischen Wiederholung und Einzigartigkeit.

Ein Ring ist kein neues Symbol.

Eine Kerze auch nicht.

Menschen haben vor uns schon unzählige Male Blumen niedergelegt, miteinander angestoßen, sich Versprechen gegeben und gemeinsam geschwiegen.

Und trotzdem kann dieselbe Handlung plötzlich vollkommen anders sein, wenn wir diejenigen sind, die sie vollziehen.


Vielleicht braucht Bedeutung manchmal genau das:

eine Handlung.

einen Ort.

andere Menschen.

einen Anfang und ein Ende.

Nicht, weil das Ritual die Veränderung erschafft.

Sondern weil wir Menschen manchmal etwas brauchen, das uns hilft, sie zu begreifen.


Vielleicht brauchen wir Rituale nicht, damit sich etwas verändert.

Vielleicht brauchen wir sie, damit wir verstehen können, dass sich etwas verändert hat.

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