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Richtig trauern | Haben wir eigentlich gelernt zu trauern?

23. Aug.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Aug.

Wir lernen ziemlich früh, wie man sich begrüßt.

Wie man Danke sagt.

Wie man gratuliert.

Später vielleicht im besten Fall, wie man Beziehungen führt, Konflikte löst – oder zumindest, wie man so tut, als wüsste man es.

Aber niemand bringt uns bei, wie man trauert.


Vielleicht liegt das daran, dass Trauer sich so schlecht unterrichten lässt.

Denn schon die Frage, was Trauer eigentlich ist, lässt sich nicht einfach mit „Traurigkeit nach einem Verlust“ beantworten.

Trauer kann Sehnsucht sein. Wut. Erleichterung. Schuld. Leere. Unruhe.

Sie kann sich als Gedanke zeigen, der immer wieder an dieselbe Stelle zurückkehrt. Als Vergesslichkeit. Als körperliche Erschöpfung. Als Angst vor einer Zukunft, in der jemand nicht mehr vorkommt.


Und manchmal ist Trauer erstaunlich unspektakulär.

Man steht auf.

Macht Kaffee.

Beantwortet Nachrichten.

Lacht über etwas. Kauft Waschmittel.

Und trauert trotzdem.


Vielleicht beginnt unser Problem genau dort: Wir haben ziemlich genaue Bilder davon, wie Trauer auszusehen hat, aber wenig Sprache dafür, wie unterschiedlich sie sich tatsächlich anfühlen kann.

Dazu passt ein Modell, das sich erstaunlich hartnäckig in unserem Denken hält: die Vorstellung von den fünf Phasen der Trauer – Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression und schließlich Akzeptanz.


Nur: So ordentlich trauern Menschen nicht.


Die Trauerforschung betrachtet solche linearen Phasenmodelle inzwischen kritisch. Trauer lässt sich nicht zuverlässig in eine Abfolge bringen, die man Schritt für Schritt durchläuft und irgendwann hinter sich lässt.

Ein anderes Modell gefällt mir deshalb sehr viel besser.

Die Psycholog*innen Margaret Stroebe und Henk Schut beschreiben Trauer als eine Bewegung zwischen zwei Polen.

Da ist auf der einen Seite der Verlust: vermissen, erinnern, begreifen, dass jemand fehlt. Vielleicht weinen, vielleicht wütend sein, vielleicht immer wieder dieselbe Geschichte erzählen.

Und auf der anderen Seite ist das Leben, das trotzdem weitergeht: einkaufen. Arbeiten. Eine Rechnung bezahlen. Etwas Neues lernen. Freund*innen treffen. Einen schönen Abend haben. Herausfinden, wer man in einem Alltag ist, der plötzlich anders aussieht.

Trauernde Menschen bewegen sich zwischen diesen beiden Seiten hin und her. In der Forschung wird das als Oszillation beschrieben. Und bemerkenswert finde ich: Auch das zeitweise Nicht-Trauern gehört in diesem Modell zum Umgang mit einem Verlust.


Vielleicht müsste man diesen Satz viel häufiger sagen:

Wer gerade lacht, hat nicht aufgehört zu trauern.


Ein schöner Abend verrät keinen verstorbenen Menschen.

Ein Tag, an dem man nicht an ihn denkt, macht die Beziehung zu ihm nicht kleiner. Und ein Morgen, an dem der Verlust plötzlich wieder genauso wehtut wie vor Monaten, bedeutet nicht, dass man rückwärtsgegangen ist.

Vielleicht gibt es in der Trauer gar kein klares Vorwärts und Rückwärts.

Sondern diese merkwürdige Bewegung zwischen dem, was fehlt, und dem, was noch da ist. Und vielleicht erklärt das auch, warum wir im Umgang mit Trauernden so häufig ins Stolpern geraten.


Wir möchten Entwicklung sehen.

Geht es dir schon etwas besser?

Kannst du langsam wieder nach vorne schauen?

Die Zeit heilt alle Wunden.


Das ist selten böse gemeint. Im Gegenteil. Oft steckt darin der verzweifelte Wunsch, einem Menschen etwas von seinem Schmerz abzunehmen.

Aber vielleicht stellen wir damit die falsche Frage.

Denn ein Verlust ist kein Problem, dessen bestmöglicher Ausgang seine Beseitigung ist.

Wenn ein Mensch stirbt, verschwindet nicht nur ein Mensch. Es verschwinden gemeinsame Routinen, Zukunftsvorstellungen, Rollen, Selbstverständlichkeiten. Vielleicht die Person, der man morgens als Erstes geschrieben hat. Jemand, der eine bestimmte Version von einem selbst kannte. Ein gemeinsames „Wir“, das plötzlich Vergangenheit geworden ist.


Trauern bedeutet deshalb vielleicht nicht nur, mit der Abwesenheit eines Menschen zurechtzukommen.

Es bedeutet auch, eine Welt neu zu sortieren, in der dieser Mensch nicht mehr auf dieselbe Weise vorkommt.


Und trotzdem muss die Beziehung nicht einfach verschwinden.

Erinnerungen, Rituale, bestimmte Sätze, ein Lied, eine Gewohnheit, eine Geschichte, die man weitererzählt – Menschen können in unserem Leben auf andere Weise anwesend bleiben. Auch die Trauerforschung beschäftigt sich unter dem Begriff der continuing bonds mit solchen fortbestehenden Bindungen nach einem Tod.

Die Idee dahinter widerspricht der lange verbreiteten Vorstellung, Trauer müsse vor allem darin bestehen, einen verstorbenen Menschen irgendwann vollständig „loszulassen“.


Und anzuerkennen, dass Weiterleben und Vermissen keine Gegensätze sind.

Vielleicht ist Trauer nicht die Aufgabe, einen Menschen loszulassen.

Vielleicht ist sie die langsame, manchmal widersprüchliche Aufgabe, herauszufinden, wie eine Verbindung weiterbestehen kann, wenn ein Mensch nicht mehr da ist.

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