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Resonanz. Oder: Warum etwas in uns mitschwingt.

29. Aug.
3 Min. Lesezeit

Manchmal ist es nur ein Satz.

Einer, den jemand beinahe nebenbei sagt. Ein Lied, das wir seit Jahren nicht gehört haben. Ein Geruch. Eine bestimmte Art zu lachen. Eine Geschichte, die eigentlich einem anderen Menschen gehört – und die trotzdem plötzlich etwas sehr Eigenes in uns berührt.

Nicht immer können wir sagen, warum.

Vielleicht müssen wir das auch gar nicht.


Der Begriff der Resonanz kommt zunächst aus der Physik. Dort bezeichnet er – vereinfacht gesagt – den Moment, in dem ein schwingungsfähiges System durch eine äußere Anregung besonders stark zu schwingen beginnt.

Etwas trifft auf etwas anderes – und bringt es zum Mitschwingen.

Ich mag dieses Bild.

Denn vielleicht sind auch wir Menschen ein bisschen so.

Wir begegnen einander, hören Geschichten, Musik und Stimmen. Wir teilen Erinnerungen, erleben Nähe, Freude und Verlust. Und manches davon verhallt. Anderes trifft auf etwas in uns, das antwortet.

Es schwingt nach.

In der Musik wird dieses Mitschwingen beinahe körperlich. Menschen, die gemeinsam singen, musizieren oder sich zu einem Rhythmus bewegen, können sich zeitlich aufeinander einschwingen. Forschung zur musikalischen Synchronisation zeigt, wie eng gemeinsamer Rhythmus und soziale Verbundenheit miteinander verknüpft sein können.


Vielleicht ist Mitschwingen also weniger metaphorisch, als wir denken.


Der Soziologe Hartmut Rosa hat aus dem Begriff der Resonanz schließlich eine ganze Theorie unserer Beziehung zur Welt entwickelt.

Resonanz entsteht für ihn dort, wo uns etwas erreicht – ein Mensch, eine Idee, eine Landschaft, Musik – und wir darauf antworten. Wo zwischen uns und der Welt eine Beziehung entsteht, die nicht vollkommen spurlos an beiden Seiten vorübergeht.

Dabei bedeutet Resonanz nicht zwangsläufig Harmonie.

Nicht alles, was uns erreicht, muss uns gefallen. Auch etwas, das irritiert, widerspricht oder schmerzt, kann etwas in uns in Bewegung setzen.

Entscheidend ist vielleicht vielmehr, dass es nicht stumm an uns vorbeigeht.

Dass etwas antwortet.


Und noch einen Gedanken daran mag ich besonders:

Resonanz ist unverfügbar.


Wir können die Bedingungen für sie schaffen. Wir können uns öffnen, zuhören, erzählen. Wir können einen Raum gestalten und versuchen, die richtigen Worte zu finden.

Aber wir können nicht bestimmen, wann etwas einen Menschen wirklich erreicht.

Vielleicht berühren uns deshalb auch nicht unbedingt die größten Worte am meisten.

Manchmal ist es gerade das vermeintlich Nebensächliche: die immer gleiche Tasse am Morgen. Eine Hand, die im richtigen Moment nach der eigenen greift. Der Satz, den jemand ständig gesagt hat. Eine völlig unspektakuläre Erinnerung, deren Bedeutung wir erst verstehen, wenn wir sie erzählen.

Darin liegt für mich etwas Wesentliches.

Denn wenn wir über einen Menschen sprechen, müssen wir nicht versuchen, ihn größer, schöner oder bedeutender zu erzählen, als er ist.


Wir müssen genauer hinsehen:

Was war da?

Was hat diesen Menschen ausgemacht? Was verbindet zwei Menschen miteinander? Welche kleine Beobachtung erzählt vielleicht viel mehr über eine Beziehung als jede große Erklärung?

Und was davon bringt etwas zum Schwingen?


Vielleicht ist genau das die Aufgabe einer guten Rede.

Nicht Gefühle zu erzeugen, die vorher nicht da waren.

Nicht möglichst große Sätze für möglichst große Momente zu finden.

Sondern Worte für etwas zu finden, das längst da ist.

Eine Erinnerung.Eine Verbindung.Eine Liebe.Einen Verlust.Einen Menschen.

Eine Rede kann keine Berührung verordnen.

Eine Zeremonie kann nicht bestimmen, was wir fühlen.

Und kein noch so sorgfältig gewählter Satz kann garantieren, dass er uns erreicht.


Aber vielleicht können Worte etwas anderes:

einen Resonanzraum schaffen.

Einen Raum, in dem etwas hörbar werden darf.

Und manchmal entsteht darin dieser eine Moment, in dem jemand lacht, obwohl gerade eigentlich alle weinen. In dem jemand neben uns plötzlich unsere Hand nimmt. Oder wir uns in einer Geschichte wiedererkennen, obwohl wir sie selbst ganz anders erzählt hätten.


Resonanz lässt sich nicht erzwingen.

Aber wir können ihr Raum geben.

Vielleicht brauchen wir genau deshalb Worte, Musik, Rituale und Zeremonien: nicht, damit sie uns vorschreiben, was wir fühlen sollen.

Sondern damit das, was längst in uns ist, für einen Moment hörbar werden darf.


Und nachschwingen kann.

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